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Nachbericht: HGich.T am 20.12.2013 im Kampnagel in Hamburg.

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Vor dem Eingang zu Kampnagel knallen Welten aufeinander: Eine Gruppe älterer Damen kommt gerade aus einer Tanztheater-Vorstellung oder ähnlichem. Vor der Tür wird noch ein Glas Sekt getrunken und – Küsschen hier, Küsschen da – frohe Weihnachten gewünscht. Daneben kippen Punks in einem Zug die Reste aus ihren Bierflaschen hinunter. Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe, deren Mitglieder orangefarbene Warnwesten tragen. Ihre Gesichter sind mit Neonfarben bemalt. Alle Jahre wieder spielt die Performancetruppe HGich.T kurz vor Weihnachten auf Kampnagel, um das Publikum vor der besinnlichen Zeit noch einmal mit Goa-Beats und Lyrics zwischen Dada und Hartz IV zum Ausrasten zu bringen. Und anscheinend brauchen das vor dem Fest der Liebe so einige Menschen, denn das Konzert ist ausverkauft. Gut 250 Leute passen offiziell in den [kmh]-Saal, später beim Auftritt von HGich.T scheinen es ein paar mehr zu sein.

 

Doch erst einmal füllt sich der mit Neon-Deko geschmückte – das Herzstück ist eine Art großes, weißes Spinnennetz auf der Bühne – und mit Schwarzlicht angestrahlte Raum langsam. Zeit genug, um das Publikum genauer unter die Lupe zu nehmen. Hier trifft Guns-N‘-Roses-Shirt auf Jogginghose, Perlenkette begegnet Jutebeutel. So wie HGich.T die Meinungen spalten, so vereint das Mitte der neunziger Jahre an der Hamburger Hochschule für bildende Künste gegründete Kollektiv doch die unterschiedlichsten Zielgruppen und Musikgeschmäcker. Gegen 23 Uhr steht Tony Draht im Anzug auf der Bühne. Optisch seriös, die Lyrics simpel – der Hamburger hat keine Probleme, das Publikum mit Electro-Beats und Parolen wie „Flamingo jetzt geht’s ab, ab, ab“ zum Tanzen und Mitgrölen zu animieren. Vor allem der Song ‚ Brassenbass ‚ funktioniert und weil die Menge lieber probiert statt studiert, wird der Chorus „Du kannst doch nicht einfach an die Uni gehen, du kannst doch auch mich studieren“ lauthals mitgesungen.

 

HGich.T lassen sich Zeit und geben ihren Fans die Gelegenheit, sich noch ordentlich einen anzutrinken oder sich am Merchandise-Stand mit Neonfarben bemalen zu lassen. Erst um halb eins entern die ersten Mitglieder der Gruppe die Bühne. Das bleibt vom Publikum fast unbemerkt, weil diese sowieso schon von Zuschauern bevölkert wird. Erst als der Song ‚ Diddl der Mäusedetektiv ‚ ertönt, wird die Masse hellhörig. Nun stürmen noch mehr Menschen die Bühne und tanzen dort oben zusammen mit Sänger Anna-Maria Kaiser und Maike Schönfeld. Weitere HGich.T-Mitglieder sind in dem Durcheinander noch nicht auszumachen. Es riecht nach Gras, fremde Menschen hüpfen an mir vorbei, trinken von meinem Bier und drücken mir den Becher anschließend wieder in die Hand. Pinsel und Farben werden zum Bodypainting zweckentfremdet, sind sie doch eigentlich dazu da, um später die bereitliegenden Leinwände mit Phallusmalereien zu verzieren.

 

In dem Getümmel geht fast unter, dass HGich.T jetzt schon ihren Hit ‚ Hauptschuhle ‚ spielen. Nach einiger Zeit wird es selbst Maike zu bunt: Charmant aber bestimmt sorgt sie dafür, dass die Leute die Bühne fürs Erste räumen und Platz für den Rest der Gruppe machen. Danach wirft sie sich selbst in die Menge, um via Crowdsurfing den schnellen Weg zur Bar zu nehmen. Sänger Anna-Maria Kaiser geht derweil mit dem Publikum auf Tuchfühlung, die Texte und Ansagen öfter mal unter die Gürtellinie. Grenzen gibt es nicht. „Ist das noch Kunst?“, mag man sich in manchen Momenten vielleicht fragen, letztendlich geht es aber ja auch nicht darum, sondern um den Unterhaltungwert der Performance. Sinnsuche sinnlos, also lieber Goa, Goa, Goa bis in den frühen Morgen.

 

[Sirany Schümann]