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Nachbericht: THE NATIONAL am 04. Juni 2014 auf der Freilichtbühne im Stadtpark Hamburg.

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unnamedKonzerte auf der Freilichtbühne im Stadtpark sind ein Fall für sich: Es könnte alles so viel schöner und atmosphärischer sein, würden die Auftritte zu angemessener Uhrzeit in der Dämmerung beginnen und im Dunkeln ausklingen. Die bösen Anwohner haben da allerdings auch ein Wörtchen mitzureden und deswegen ist spätestens um 22 Uhr Schicht im Schacht. Alles muss reibungslos ohne Verzögerung über die Bühne gehen. Also lieber überpünktlich als zu spät anfangen, denkt man sich da. Und so höre ich, als ich um kurz vor 19 Uhr von der S-Bahn in flottem Tempo gen Stadtpark eile, schon die Stimme von St. Vincent herüberwabern.

 

Mit Einlasskontrolle und Getränkestand – „furchtbare Musik“, murmelt die Thekenkraft, während sie mir ein Bier in die Hand drückt – komme ich gerade noch rechtzeitig, um das Finale mitzubekommen. Eben noch steht Annie Clark Gitarre spielend auf einer Art rosanem Podest – der Wind fährt durch ihre weiße Mähne, das weiße rot besprenkelte Kleid flattert – doch im nächsten Moment räkelt sie sich ausgestreckt auf den Stufen des treppenförmigen Sockels, um ihren Auftritt theatralisch zu Ende zu bringen. Leider viel zu schnell, um die Show richtig auf mich wirken lassen zu können. Die Dreiviertelstunde Warten auf The National hätte man noch gut mit dem Artrock von St. Vincent überbrücken können aber der Soundcheck macht sich ja auch nicht von selbst.

 

Als The National die Bühne betreten, jubelt die textsichere Menge und singt bei ‘ Don’t Swallow the Cap ‘ lauthals die Passage „I’m not alone/ I’ll never be“ mit. Doch beim zweiten Song ‘ I Should Live in Salt ‘ wird bemerkbar, dass Band und Tageszeit nicht ganz miteinander harmonieren. Die Sonne strahlt auch nach acht Uhr abends noch vom Himmel und obwohl Sänger Matt Berninger im schönsten Bariton „You should know me better than this“ ins Mikrofon seufzt, will sich nicht die melancholisch-feierliche Stimmung breitmachen wie erhofft. Bei ‘ Sea of Love ‘ ist es wiederum das Publikum, das die Herzschmerz-Atmosphäre stört, weil es bei Zeilen wie „If I stay here, trouble will find me/If I stay here, I’ll never leave“ laut mitklatscht.

 

Berninger scheint die Beleuchtung selbst nicht ganz in den Kram zu passen. Jedenfalls bittet er darum, die Scheinwerfer etwas herunterzudrehen. Oder warum das Ganze nicht gleich für zwei Stunden unterbrechen und später weiterspielen? Bevor der charismatische Frontmann seinen Gedanken weiter ausführen kann, scheint das Wetter aber realisiert zu haben, dass hier ja The National im Stadtpark spielen und keine Ska-Band mit sonnigem Gemüt. Wolken ziehen auf und bei ‘ Afraid of Everyone ‘ beginnt es zu tröpfeln. Sofort kommt die Videoleinwand, auf der verschwommene, mit verschiedenen Filtern unterlegte Direktaufnahmen der Band auf der Bühne sich mit bunten Visuals abwechseln, besser zur Geltung.

 

Vielleicht liegt es am Alkohol – ob es Bier, Whiskey oder das obligatorische Glas Rotwein ist, von dem Berninger zwischen den Liedern immer mal wieder einen großen Schluck nimmt, ist nicht genau zu erkennen –, jedenfalls lässt der Sänger am Ende des Songs sein Mikro neben den Ständer fallen. Um den Zwischenfall zu kaschieren, verfehlt Berninger ihn im Anschluss gleich noch mehrere Male. Überhaupt scheint der Frontmann äußerst angeheitert zu sein. Während der Songs läuft er zwischen den restlichen sechs Musikern auf der Bühne hin und her und feuert sie an oder brüllt dem Publikum Textfetzen entgegen. Auch für eine Wanderung runter von der Bühne zum nächsten Bierstand ist sich Berninger nicht zu schade. Bei ‘ Graceless ‘ bahnt er sich seinen Weg durch die Menge – zum Leidwesen der Crew, die mit dem Mikrokabel kaum hinterherkommt.

 

Weil Berninger ein wenig den Bühnenclown spielt, aber auch aufgrund der hervorragenden musikalischen Darbietung von The National, springt der Funke spätestens in der zweiten Hälfte des Konzerts auf die Besucher über. ‘ I Need My Girl ‘, ‘ This Is the Last Time ‘, ‘ Santa Clara ‘ und zum Schluss eine gekonnte äußerst rockige Version von ‘ Abel ‘ – eine Abfolge in der Setlist, die die Zeit vergessen lässt! Mit ‘ Fake Empire ‘ beenden The National das offizielle Set. Die Zugabe – unter anderem spielt die Band aus Ohio natürlich ‘ Terrible Love ‘ und ‘ Mr. November ‘ – mag die Nerven der Anwohner strapazieren, die Fans jedoch freut es. Als The National eine Akustik-Version von ‘ Vanderlyle Crybaby Geeks ‘ auf dem Grünstreifen vor der Bühne anstimmen, achtet niemand mehr auf den mittlerweile kontinuierlichen Nieselregen – passt sowieso besser zur Stimmung!

 

[Sirany Schümann]