Jochen Distelmeyer – Songs From The Bottom Vol.1 / Four Music (Sony Music)

Wer wollte schon allen Ernstes behaupten, Jochen Distelmeyer wäre nur ein Wünstler. Dass dieser Mann nicht nur will, sondern auch kann, hat er schließlich nicht nur mit einem halben Dutzend grandioser Blumfeldplatten, fast alle gemacht für die Ewigkeit, bewiesen, auch sein erstes Solo „Heavy“ überzeugte vor gut fünf Jahren aus dem Stand mit Feingefühl, bissigem Wortverschnitt und sogar ein paar zuckenden Beats. Als er dann auch noch zum Buchautor („Otis“) ansetzte, war klar, dass Schaffenskrise nicht zum Distelmeyerschen Vokabular zählt. Und dennoch läßt einen das nun erschienene Album zuweilen etwas ratlos zurück. Man fragt sich, was er wohl mit diesem (Achtung: erste haltlose Verallgemeinerung) ‘Klampfenalbum’ voller selbstgeliebter Coverfavoriten bezwecken wollte. Und findet in den Linernotes schon eine erste Antwort dazu: Entstanden seien diese „Lieder von unten“ während seiner Lesereisen, wo er einige von ihnen regelmäßig anzuspielen pflegt(e). Und um den häufigen Nachfragen der Fans Genüge zu tun, hat er sie halt nun in die Rillen gepresst. Und sich gleich ein wenig selbst entschuldigt. (mehr …)

Junior Boys, Big Black Coat / City Slang (Universal Music)

Das ist in der Tat schon eine witzige Randnotiz: Jeremy Greenspan and Matt Didemus, die beiden Herren hinter dem kanadischen Electropop-Duo Junior Boys, entfernen sich nicht nur Jahr um Jahr von der ursprünglichen Assoziation ihres gemeinsamen Pseudonyms, sie sehen auch so aus, als würden sie eher allnächtlich die Türen der Clubs bewachen, statt drinnen mit ihrer Musik für ausgelassene Unterhaltung zu sorgen. Insbesondere Greenspan mit seinem zerknautschten, mäßig rasierten Gesicht würde man eher dem Facility-Management als dem Stardom eines weltbekannten DJs und Produzenten zuordnen, dabei ist der Mann seit Ende der Neunziger als Soundtüftler eine bekannte Größe und mithin Schöpfer zahlreicher erfolgreicher Singles und Alben. (mehr …)

Porches, Pool / Domino Records (Goodtogo)

Über die Musik von Aaron Maine gibt es, das ist nicht weiter überraschend, mehr als zwei Meinungen. Die einen halten den New Yorker für ein exaltiertes Genie und den Sound seiner Band Porches für ausgesprochen lässig und unaufgeregt, anderen stoßen Auftreten und Aussehen des Mannes gewaltig auf und widmen deshalb seinen Stil schnell mal zu prätentiös-schwülstigem Kitsch um. Man muss die „Erlaubt ist was gefällt“-Karte aber erst gar nicht ziehen, Maine liebt die Gratwanderung und das Spiel in den Grenzbereichen, alles andere wäre für ihn wohl keine Herausforderung. Auf seinem neuen Album hat er sich einmal mehr dem warmen, analogen Klang programmierter Synthetik verschrieben, anschmiegsame, weiche Melodieflächen, die ein sanftes Gitzern verursachen und die entspannte Bewegungsunfähigkeit feiern. (mehr …)

Panic! At The Disco, Death of a Bachelor / Atlantic (Warner)

Das revolutionäre Debüt »A Fever You Can’t Sweat Out« erwies sich für Panic! at the Disco als Segen und ein Fluch für die Band zugleich. Es folgte ein hartnäckiger Schatten auf dem Nachfolger. »Pretty Odd« huldigte den kaleidoskopischen Einflüssen der 70er Jahre, während das dritte Album »Vices & Virtues« die Pop-Rock-Hymnen für sich eroberte. Die jüngste Versuch der Band, »Too Weird To Live, Too Rare To Die«, machte seinem Namen alle Ehre und auch wenn alle Alben die Neufindung von Urie ehrgeizig voran trieben, so fehlte doch die Singularität, welches das Debüt-Album so außergewöhnlich erschienen ließ. (mehr …)

The Cult, Hidden City / Cooking Vinyl (Indigo)

Vor über 30 Jahren waren The Cult in Ihrem Erfindungsreichtum kaum zu bremsen. Besonders in Ihrer Anfangszeit ging es von psychedelischen Gothic zum Rick Rubin elektronisch produzierten Hard-Rock. Die Neuerfindungen sind natürlich über die Jahrzehnte dezenter ausgefallen, aber The Cult befinden sich noch immer in ständiger Bewegung. Ian Astbury Bariton bleibt eine gewaltige donnernde Kraft, mit Autorität und dem typisch unordentlich lyrischen Sumpf aus tibetisch-buddhistischer Mystik und Spiritualität, warnt er vor ausbeuterischen und destruktiven Verhalten. Duffy erfreut uns erneut mit seinen enormen Bassdrums, seiner dunklen Energie und den manischen Solis. (mehr …)

Bloc Party, Hymns / Pias (rough trade)

Zu einfach möchte man es ihnen auch nicht machen. Bloc Party haben in den letzten Jahren ja kein sehr glückliches Bild in der öffentlichen Wahrnehmung abgegeben – nach den erneuten Soloausflügen von Sänger Kele Okereke musste sich dieser fragen lassen, ob er denn überhaupt noch Frontmann seiner eigenen Band wäre (was nach einigem Hin und Her geklärt werden konnte), es gab nach reichlich Unzufriedenheit, woraufhin wiederum das Personalkarussell kräftig rotierte. Schön war das alles nicht, auch weil nach dem letzten Album »Four« die Stammkundschaft von der Fahne zu gehen drohte, hatte sich doch die einstige Indierock-Kapelle hörbar vom ausschließlich zickig-zackigen Hochfrequenzsound zu Gunsten tanzbarer Elektronik abgewandt. Alles halb so wild, weil die Substanz bewahrt schien und »Four« bei aller Unentschiedenheit genügend Interessantes bot. Solches zu finden wird nun auf »Hymns« leider schon deutlich schwieriger. (mehr …)

Get Well Soon, Love / Caroline (Universal Music)

Konstantin Gropper kann wahrscheinlich machen was er will, er wird wohl auf ewig mit der Berufsbezeichnung Popakademiker klarkommen müssen. Zumindest so lange, wie jeder dahergelaufene Rezensent (wie auch dieser hier) nicht müde wird wiederzukäuen, dass der blasse junge Mann einer der ersten Absolventen der 2003 gegründeten Popakademie Baden-Württemberg und also seiner Heimatstadt Mannheim war. (mehr …)

Wire, The Waiting Room / City Slang (Universal Music)

Den Tindersticks nähert man sich ja immer mit einer gewissen Zurückhaltung, einem Sicherheitsabstand – Stuart Staples hat trotz der meistenteils (und mittlerweile) sehr zarten Kompositionen nichts von einem weltverlorenen, melancholischen Brummbär an sich, dem man mit der Hand tröstend über den Kopf streichen möchte. Schon seit dem sagenhaften Debüt aus dem Jahr 1993 haftet der Band und seinem Gesang immer auch etwas unterschwellig Bedrohliches, mühsam im Zaum Gehaltenes an, das nur selten zum Ausbruch gelangt und deswegen zur Vorsicht rät. Von diesem Flackern, dieser Spannung ist auch nach knapp einem Viertel Jahrhundert nichts verloren gegangen und gerade dieses neue, mittlerweile zehnte Album beweist, mit wieviel Inspiration und künstlerischem Anspruch die Engländer noch immer zu Werke gehen. (mehr …)

Shearwater, Jet Plane and Oxbow / Sub Pop (Cargo Records)

Es gibt ja viele übel beleumundete Subgenres in der bunten Welt der Unterhaltungsmusik, Powerrock ist eines davon. Ganz gleich, wer warum auf die Idee gekommen ist, eine Band mit diesem Etikett zu versehen (wahrscheinlich stammt es noch aus den Zeiten, da Icke Hässler sich neben seinem Job als krummbeiniger Balljunge um den ebenso fragwürdigen ‚Melodic Rock‘ gekümmert hat) – zeitgemäß ist eine solche Kategorisierung schon lange nicht mehr. (mehr …)

Savages, Adore Life / Matador/Beggars Group (Indigo)

If you don’t love me, you don’t love anybody. Ain’t you glad it’s you? There are things I know we should, better not do but I know you could. Sleep with me and we’d still be friends. Or I know I’ll go insane…” Die Gitarren splittern, der Bass kommt mit der Macht vibrierender Stahlseile, die Worte gehetzt und druckvoll – die Savages präsentieren sich gleich zu Beginn ihres neuen, zweiten Albums lebens- und liebeshungrig. Sie haben sich einiges vorgenommen. Nicht wenige, die dem Hype des Debüts »Silence Yourself« gefolgt waren, bemängelten im Nachhinein, die Stücke hätten es an Kompaktheit, Stringenz fehlen lassen. Nun, davon ist auf »Adore Life« nicht mehr viel zu hören – wenn dies der Wahl des neuen Produzenten Anders Trentemøller geschuldet ist, dann war es zweifellos eine gute. Gleich die drei ersten Stücke wirken wie aus einem Guß, dem wilden »The Answer« folgen »Evil« und »Sad Person« und erst für den Titelsong wechselt Jehnny Beth in den Patti-Smith-Modus und auch das tut sie auf beeindruckende Weise. (mehr …)

David Bowie, Blackstar / Smi Col (Sony Music)

Ein Künstler, also auch Musiker, hat ja im Grunde zwei Möglichkeiten: Entweder er macht, was er will oder das, was alle wollen. Im günstigsten Falle ist die Schnittmenge aus beidem so groß, dass er davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. David Bowie kann von sich, jetzt, da er gerade neunundsechzig Jahre alt geworden ist und ganze fünfundzwanzig Studioalben veröffenlicht hat, behaupten, dass ihm das Zeit seines Lebens bestens geglückt ist. (mehr …)

Coldplay, A Head Full Of Dreams / Parlophone Label Group (Plg)

Die Frage wird kommen und sie wird vielstimmig sein: Warum um alles in der Welt müsst ihr Nörgler eigentlich an allem herumkritteln und die Haare in der Suppe mit einer Akribie suchen, die man fast schon als böswilligen Vorsatz deuten könnte? Haben sich Coldplay nicht wieder mal mächtig ins Zeug gelegt und ihr Bestes gegeben? Antwort: Nein, das haben sie leider nicht. Wer alt genug ist, der weiß, wie ihr Bestes klingt. Früher nämlich war es richtig schwer, Coldplay nicht zu mögen – man konnte sich mit Vorbehalten wappnen so gut es eben ging, sie bekamen einen doch immer wieder an den Haken mit all dem verträumten Gitarrengeglitzer, den hübsch verschlungenen Melodien und der schmachtenden Stimme. (mehr …)