Jochen Distelmeyer – Songs From The Bottom Vol.1 / Four Music (Sony Music)

Wer wollte schon allen Ernstes behaupten, Jochen Distelmeyer wäre nur ein Wünstler. Dass dieser Mann nicht nur will, sondern auch kann, hat er schließlich nicht nur mit einem halben Dutzend grandioser Blumfeldplatten, fast alle gemacht für die Ewigkeit, bewiesen, auch sein erstes Solo „Heavy“ überzeugte vor gut fünf Jahren aus dem Stand mit Feingefühl, bissigem Wortverschnitt und sogar ein paar zuckenden Beats. Als er dann auch noch zum Buchautor („Otis“) ansetzte, war klar, dass Schaffenskrise nicht zum Distelmeyerschen Vokabular zählt. Und dennoch läßt einen das nun erschienene Album zuweilen etwas ratlos zurück. Man fragt sich, was er wohl mit diesem (Achtung: erste haltlose Verallgemeinerung) ‘Klampfenalbum’ voller selbstgeliebter Coverfavoriten bezwecken wollte. Und findet in den Linernotes schon eine erste Antwort dazu: Entstanden seien diese „Lieder von unten“ während seiner Lesereisen, wo er einige von ihnen regelmäßig anzuspielen pflegt(e). Und um den häufigen Nachfragen der Fans Genüge zu tun, hat er sie halt nun in die Rillen gepresst. Und sich gleich ein wenig selbst entschuldigt. (mehr …)

The Cult, Hidden City / Cooking Vinyl (Indigo)

Vor über 30 Jahren waren The Cult in Ihrem Erfindungsreichtum kaum zu bremsen. Besonders in Ihrer Anfangszeit ging es von psychedelischen Gothic zum Rick Rubin elektronisch produzierten Hard-Rock. Die Neuerfindungen sind natürlich über die Jahrzehnte dezenter ausgefallen, aber The Cult befinden sich noch immer in ständiger Bewegung. Ian Astbury Bariton bleibt eine gewaltige donnernde Kraft, mit Autorität und dem typisch unordentlich lyrischen Sumpf aus tibetisch-buddhistischer Mystik und Spiritualität, warnt er vor ausbeuterischen und destruktiven Verhalten. Duffy erfreut uns erneut mit seinen enormen Bassdrums, seiner dunklen Energie und den manischen Solis. (mehr …)

Shearwater, Jet Plane and Oxbow / Sub Pop (Cargo Records)

Es gibt ja viele übel beleumundete Subgenres in der bunten Welt der Unterhaltungsmusik, Powerrock ist eines davon. Ganz gleich, wer warum auf die Idee gekommen ist, eine Band mit diesem Etikett zu versehen (wahrscheinlich stammt es noch aus den Zeiten, da Icke Hässler sich neben seinem Job als krummbeiniger Balljunge um den ebenso fragwürdigen ‚Melodic Rock‘ gekümmert hat) – zeitgemäß ist eine solche Kategorisierung schon lange nicht mehr. (mehr …)

Savages, Adore Life / Matador/Beggars Group (Indigo)

If you don’t love me, you don’t love anybody. Ain’t you glad it’s you? There are things I know we should, better not do but I know you could. Sleep with me and we’d still be friends. Or I know I’ll go insane…” Die Gitarren splittern, der Bass kommt mit der Macht vibrierender Stahlseile, die Worte gehetzt und druckvoll – die Savages präsentieren sich gleich zu Beginn ihres neuen, zweiten Albums lebens- und liebeshungrig. Sie haben sich einiges vorgenommen. Nicht wenige, die dem Hype des Debüts »Silence Yourself« gefolgt waren, bemängelten im Nachhinein, die Stücke hätten es an Kompaktheit, Stringenz fehlen lassen. Nun, davon ist auf »Adore Life« nicht mehr viel zu hören – wenn dies der Wahl des neuen Produzenten Anders Trentemøller geschuldet ist, dann war es zweifellos eine gute. Gleich die drei ersten Stücke wirken wie aus einem Guß, dem wilden »The Answer« folgen »Evil« und »Sad Person« und erst für den Titelsong wechselt Jehnny Beth in den Patti-Smith-Modus und auch das tut sie auf beeindruckende Weise. (mehr …)

Kritik: Guy Garvey, Courting The Sqall / Polydor (Universal Music)

Irgendwie erscheint einem Guy Garvey stets wie ein lebender Widerspruch in sich. Geht man nach der Statur, dem Erscheinungsbild des Sängers der Indiekombo Elbow, dann würde man eher vermuten, Garvey fälle tagsüber in den Wälder rund um seine Heimatstadt Manchester Bäume reihenweise mit bloßen Händen und in seiner Freizeit über er sich wahlweise im Schwergewichtsboxen oder Rugby. (mehr …)

Kritik: !!! (Chk Chk Chk), As If / Warp (rough trade)

Das ist jetzt nicht als Warnung, eher als gutgemeinter Hinweis gedacht: Achtung – Tanzplatte hoch drei. Die Potenz deshalb, weil auch schon die letzten Alben der kalifornischen Hyperventilatoren Chk Chk Chk, also »Strange Weather, Isn’t It?« und »Thr!!!er«, solche Tanzplatten waren, aber eben nicht so lücken- und kompromisslos. Dort waren noch Bezüge zu ihren Rockwurzeln, seien diese nun Indie oder Psychedelic, hörbar, war von reiner Synthetik noch keine Rede. »As If« nun ist so konsequent auf Dance und Disco gebürstet, dass es einem schier die Sprache verschlägt und selbst zum Nachdenken kaum Zeit bleibt – Stichwort: Der Rhythmus, wo man mit muss. (mehr …)

Kritik: Eagles of Death Metal, Zipper Down / Universal (Universal Music)

Jesse Hughes hat nach dem zweiten Album »Death by Sexy« seinen kreativen Höhepunkt erreicht. Die alten Songs klingen auch heute noch verdammt gut. Frontmann Jesse Hughes und der wesentlich berühmtere Josh Homme waren langjährige Freunde, die zusammen ohne Größenwahn Musik machen wollten. Das funktioniert tatsächlich heute noch genauso authentisch wie vor elf Jahren, als das Debüt »Peace Love Death Metal« erschien. Jesse “The Devil” Hughes war bereits Boots Electric und Fabulous Weapon. Doch egal wie man den Mann mit seinem Schnauzer auch nennen möchte – er ist einer der unbestreitbaren Persönlichkeiten des Rock. (mehr …)

Kritik: U.S.Girls, Half Free / 4ad/Beggars Group (Indigo)

Ganz am Ende kommt einem dann diese Scherzpostkarte in den Sinn – jene, auf der eine Frau im Superwoman-Kostüm am Herd werkelt, daneben steht: „Mütter können nicht ständig die Welt retten, sie müssen auch noch kochen!“ Was einen hier verschämt kichern lässt, dreht Meghan Remy unter ihrem Moniker U.S. Girls einmal mehr komplett ins Spaßarme, Schattige, Sarkastische. Auf »Half Free«, ihrem aktuellen Album, geht es nicht um Emanziportiönchen oder Herrenwitze, sondern um das traurige Grau des Alltäglichen, um ein Leben, das einem eben nur die halbe Freiheit zugesteht. (mehr …)

Kritik: Chvrches, Every Open Eye / Vertigo Berlin (Universal Music) (@CHVRCHES)

Das Teilnehmerfeld all derer, die sich um das bunte Marktsegment EDM, also Electronic Dance Music, kümmern, seit es wieder zum Trend umgewidmet wurde, ist seit der Veröffentlichung von »The Bones Of What You Believe«, dem Debüt der Chvrches, nicht eben kleiner geworden. Und, wie das oft so ist, leider auch nicht wirklich gehaltvoller. Im Kielwasser des schottischen Trios tummeln sich eben nicht nur Schwergewichte wie Purity Ring, London Grammar und Lorde, sondern auch jede Menge mäßig talentierte Klone, denen die Technik größere Gefallen tut als ihre Stücke Substanz aufzuweisen haben. Man musste deshalb von Lauren Mayberry und ihren beiden Mitstreitern auch keine großartigen Innovationen erwarten – beim zweiten Album sind solcherlei Veränderungen, gerade wenn der Erstling so großen Anklang fand, für die Karriere eher hinderlich und vom Hörer kaum gewünscht. Besitzstandswahrung war also angesagt und genau das ist es auch geworden. (mehr …)

Kritik: #Baio, The Names / Caroline (Universal Music)

Den bereits eingeschlagenen Abwärtstrend (auf hohem Niveau) mit Vampire Weekend bestreitet der Bassist Chris Baio mit seinem ersten Solowerk solidarisch weiter. Zu hören gibt es im Album reflektierenden Elektro-Pop mit Anleihen zu !!! (Chk Chk Chk) oder Hot Chip. Der Unterschied: die Songs von Baio sind intimer und nicht ganz so offensichtlich tanzbar. Der Auftakt »Brainwash yyrr Face« ist dabei noch eine unheilvolle Woge aus den unruhigen Trance-Atmosphären. Die Texte dazu sowohl geheimnisvoll wie auch meditativ. (mehr …)

Kritik: Kwabs, Love+War / Warner Music International (Warner)

Auf »Love+War« mussten wir lange warten, gefühlt unzählige Male wurde der Release des Debüts verschoben, vier Jahre dauerte es, doch finden sich darauf einige Elektro-Pop getränkte Stücke, die definitiv das Warten rechtfertigten. Kwabs besitzt zweifelsohne ein gewaltiges Stimminstrument – ein üppiges und eindrucksvoll eingesetztes Bariton. Es kann durch erhabene Anmut steigen, oder in der nächsten Minute tief und mit rauchiger Intensität durch die Haut kriechen. Es ist perfekt für emotionale Geschichten von gescheiterten Beziehungen und zugleich eine Gefahr, selbst unter dem eigenen Gewicht einzubrechen. (mehr …)

Kritik: Public Image Ltd. – What the World Needs Now… / Pil Official (Cargo Records)

Die Freude über ein abermaliges Album ist bei Helden der eigenen Jugendzeit natürlich selten eine ungetrübte, immer schwingen düstere Vorahnungen, Befürchtungen und Vorbehalte mit. Wobei – die letzte Platte »This Is PIL« war die schwerere, nach ganzen siebzehn Jahren nicht mehr zu erwarten und alles in allem dann gar nicht so übel. Die Live-Auftritte vor Augen, die Gedanken an Lydons eher peinliche Gastrolle bei „I’m A Celebrity…“ nicht aus dem Kopf zu bekommen, hatte man mit dem totalen Fiasko gerechnet und bekam doch ordentlich Dampf – der Mann ätzte und schäumte immer noch ganz prächtig, fette Dub-Loops und stampfende Math-Gitarren machten die P.I.L.-Zone erträglicher als gedacht und Stücke wie die überdrehte »Lollipop Opera“ oder das wuchtige »Out Of The Woods« vermochten einen fast gänzlich zu versöhnen. Dennoch – besser würden es die Jahre nicht machen, wie lange ließ sich das wenigstens (durch)halten, ohne ähnlich belanglos oder gar albern zu wirken als beispielsweise die Stranglers oder The Damned? (mehr …)