Junior Boys, Big Black Coat / City Slang (Universal Music)

Das ist in der Tat schon eine witzige Randnotiz: Jeremy Greenspan and Matt Didemus, die beiden Herren hinter dem kanadischen Electropop-Duo Junior Boys, entfernen sich nicht nur Jahr um Jahr von der ursprünglichen Assoziation ihres gemeinsamen Pseudonyms, sie sehen auch so aus, als würden sie eher allnächtlich die Türen der Clubs bewachen, statt drinnen mit ihrer Musik für ausgelassene Unterhaltung zu sorgen. Insbesondere Greenspan mit seinem zerknautschten, mäßig rasierten Gesicht würde man eher dem Facility-Management als dem Stardom eines weltbekannten DJs und Produzenten zuordnen, dabei ist der Mann seit Ende der Neunziger als Soundtüftler eine bekannte Größe und mithin Schöpfer zahlreicher erfolgreicher Singles und Alben. (mehr …)

Porches, Pool / Domino Records (Goodtogo)

Über die Musik von Aaron Maine gibt es, das ist nicht weiter überraschend, mehr als zwei Meinungen. Die einen halten den New Yorker für ein exaltiertes Genie und den Sound seiner Band Porches für ausgesprochen lässig und unaufgeregt, anderen stoßen Auftreten und Aussehen des Mannes gewaltig auf und widmen deshalb seinen Stil schnell mal zu prätentiös-schwülstigem Kitsch um. Man muss die „Erlaubt ist was gefällt“-Karte aber erst gar nicht ziehen, Maine liebt die Gratwanderung und das Spiel in den Grenzbereichen, alles andere wäre für ihn wohl keine Herausforderung. Auf seinem neuen Album hat er sich einmal mehr dem warmen, analogen Klang programmierter Synthetik verschrieben, anschmiegsame, weiche Melodieflächen, die ein sanftes Gitzern verursachen und die entspannte Bewegungsunfähigkeit feiern. (mehr …)

Get Well Soon, Love / Caroline (Universal Music)

Konstantin Gropper kann wahrscheinlich machen was er will, er wird wohl auf ewig mit der Berufsbezeichnung Popakademiker klarkommen müssen. Zumindest so lange, wie jeder dahergelaufene Rezensent (wie auch dieser hier) nicht müde wird wiederzukäuen, dass der blasse junge Mann einer der ersten Absolventen der 2003 gegründeten Popakademie Baden-Württemberg und also seiner Heimatstadt Mannheim war. (mehr …)

Coldplay, A Head Full Of Dreams / Parlophone Label Group (Plg)

Die Frage wird kommen und sie wird vielstimmig sein: Warum um alles in der Welt müsst ihr Nörgler eigentlich an allem herumkritteln und die Haare in der Suppe mit einer Akribie suchen, die man fast schon als böswilligen Vorsatz deuten könnte? Haben sich Coldplay nicht wieder mal mächtig ins Zeug gelegt und ihr Bestes gegeben? Antwort: Nein, das haben sie leider nicht. Wer alt genug ist, der weiß, wie ihr Bestes klingt. Früher nämlich war es richtig schwer, Coldplay nicht zu mögen – man konnte sich mit Vorbehalten wappnen so gut es eben ging, sie bekamen einen doch immer wieder an den Haken mit all dem verträumten Gitarrengeglitzer, den hübsch verschlungenen Melodien und der schmachtenden Stimme. (mehr …)

Ringo Deathstarr, Pure Mood / Club Ac30 (Broken Silence)

Zugegeben, auf »Pure Mood« gibt es eine Reihe formelhafter Gleichungen, auch sind es aufgrund der gelegentlich eintönigen Stimmung ein paar Songs zu viele, aber die zahlreichen Zügellosigkeiten halten diese Makel auf ein Minimum und so ist dieses neue Werk von Ringo Deathstarr zweifelsohne ein lohnendes Ergebnis.

 

7/10

 

Kritik: Grimes, Art Angels / 4ad/Beggars Group (Indigo)

Keine Ahnung, warum bei den meisten Besprechungen für die Kategorie der Sparte „Weiß/Weib/Gesang“ immer wieder von Neuem das Erbe von Madame Ciccone verhandelt wird – in der seit Jahren andauernden Dauer-Casting-Show „The Next Madonna“ allerdings dürfte Grimes mit Abstand die besten Karten haben. Dabei sind es nicht einmal die Songs selbst, mit denen Claire Boucher die Konkurrenz bei diesem, ihrem regulären vierten Album und nach dem Vorgänger »Visions« auf Abstand hält, auch ihre zuweilen etwas piepsige Stimme gibt sicher nicht den Ausschlag. (mehr …)

Kritik: EL VY, Return To The Moon / 4ad/Beggars Group (Indigo)

Es ist, wie immer eigentlich, eine Frage des Standpunktes. Matt Berninger und Brent Knopf haben gemeinsam ein Album aufgenommen und dieses ist, das läßt sich ganz zu Anfang fast wertfrei behaupten, von besserem Durchschnitt. Betrachtet man »Return To The Moon« nämlich aus Sicht des Frontmannes von The National, so darf man sich aufrichtig über einige recht quirlige und überraschend gutgelaunte Melodien freuen, die sich doch sehr vom grummelnden Mantra der Kapelle Berningers abheben. (mehr …)

Kritik: Dave Gahan & Soulsavers, Angels & Ghosts / Smi Col (Sony Music)

Die Rampensau hat also erneut Pause. Dave Gahan, hauptamtlicher Leadsänger bei den Synthpoppern von Depeche Mode, gönnt seinem zweiten Ich mal wieder etwas Auslauf und schließt sich zum wiederholten den Seelenrettern Ian Glover und Rich Machin an, um deren schwerblütigen Elektroblues mit stimmlichem Charisma zu versehen. Thematisch bleibt dabei alles beim alten – nach »The Light The Dead See« dreht sich diesmal alles um Engel und Geister und man darf vermuten, dass sich Gahan, der ja dem Sensenmann zu früherer Zeit schon einige Male fast die Hand schütteln musste, mit Dämonen und ihren geflügelten Begleitern bestens auskennt. Einzig das Cover führt etwas in die Irre: Das vom Geschrei verzerrte Gesicht des Hauptakteurs legt die Vermutung nahe, dass Geister hier ausgetrieben werden sollen, hört man sich das Album an, ist es dann doch eher eine leidenschaftliche Beschwörung geworden. (mehr …)

Kritik: Die Nerven, Out / #Glitterhouse (Indigo) (#dienerven)

So langsam ist es an der Zeit, auch an dieser Stelle mal eine Lanze für ein Land und eine Stadt zu brechen, die in der öffentlichen Wahrnehmung ein bisschen unterrepräsentiert sind, vielleicht sogar mit etwas Missgunst betrachtet werden. Warum Baden-Württemberg immer noch mit der Verniedlichung „Ländle“ gestraft wird, erschließt sich wohl nur dem, der auch Bayern auf Lederhosn und Sachsen auf Jammerossis verkürzt. (mehr …)

Kritik: Editors, In Dream / Play It Again Sam (rough trade) (#Editors)

Die Veröffentlichung Ihres letzten Albums »The Weight Of Your Love« versetzte die Herrschaften aus Birmingham, England, in Alarmbereitschaft. War es doch das erste Album, welches nicht die britischen Top 5 erreichte. Die Editors zogen sich daraufhin an die Westküste Schottlands zurück und wollten für Ihr fünftes Album einiges ändern. Auf Ihre allumfassende Finsternis wollten die Editors zwar nicht verzichten (die deutliche Bekennung erfolgt bereits im langsamen Eröffnungsstück »No Harm«), dafür erleben wir eine neue Leichtigkeit, die insbesondere im zweiten Stück »Ocean Of Night« die geschätzte Tiefe aus vergangenen Jahren geschickt einfließen lässt. (mehr …)

Kritik: Wanda, Bussi / Vertigo Berlin (Universal Music) (@WANDAMUSIK)

Trinken, Liebe, Kreuz, Spital, Trinken, Einsamkeit, Schmerz, Trinken, Saufen, Rausch, Tod, … Und – bekannt? Klare Sache: Willkommen im Wanda-Kosmos. Die Wiener haben, diese Nachricht überstrahlt auch den kritischen Rest dieses Textes, eine neue Platte fertig und all jene, die »Amore« vor einem Jahr schon ins geschundene Herz geschlossen hatten, werden sich sehr freuen. Ob es ihnen wurscht ist, dass »Bussi« nicht ganz an das wunderbare Dauerdelirium des Debüts anschließen kann, bleibt abzuwarten, die Jungs um den charmanten Lederjackenträger und Sänger jedenfalls haben gegen Ende schon mal vorgebaut und behaupten trotzig: (mehr …)

Kritik: New Order, Music Complete / Mute Artists Ltd (Goodtogo) (@neworder)

Ganz ehrlich: Die Messer waren gewetzt, die Hinrichtung schon vorbereitet. Einstieg über das klassische Odd-Couple-Zerwürfnis (Waters/Gilmour, Collins/Gabriel, Townshend/Daltrey waren notiert), da hätten Hook und Sumner mit ihren kindischen Sandkastenstreitereien wunderbar hineingepaßt und nach der Veröffentlichung der ersten Single “Restless”, die nun wirklich eine ziemlich schwache Nummer abgab, war die Richtung klar und das Urteil gesprochen. Nun wird man von älteren Herren und Damen in dieser Branche, nimmt man Johnny Cash, Leonhard Cohen und Marianne Faithfull mal beiseite, nicht oft überrascht, in diesem speziellen Fall muss man allerdings unumwunden der Wortmeldung von Barry Walters aus dem amerikanischen Rolling Stone folgen, der da schrieb: „Just as [Ian] Curtis‘ suicide inspired his bandmates to reinvent themselves as New Order in 1980, Hook’s departure frees them to create their most varied and substantial work in decades„, Ansage – Punkt. (mehr …)