Wire, The Waiting Room / City Slang (Universal Music)

Den Tindersticks nähert man sich ja immer mit einer gewissen Zurückhaltung, einem Sicherheitsabstand – Stuart Staples hat trotz der meistenteils (und mittlerweile) sehr zarten Kompositionen nichts von einem weltverlorenen, melancholischen Brummbär an sich, dem man mit der Hand tröstend über den Kopf streichen möchte. Schon seit dem sagenhaften Debüt aus dem Jahr 1993 haftet der Band und seinem Gesang immer auch etwas unterschwellig Bedrohliches, mühsam im Zaum Gehaltenes an, das nur selten zum Ausbruch gelangt und deswegen zur Vorsicht rät. Von diesem Flackern, dieser Spannung ist auch nach knapp einem Viertel Jahrhundert nichts verloren gegangen und gerade dieses neue, mittlerweile zehnte Album beweist, mit wieviel Inspiration und künstlerischem Anspruch die Engländer noch immer zu Werke gehen. (mehr …)

David Bowie, Blackstar / Smi Col (Sony Music)

Ein Künstler, also auch Musiker, hat ja im Grunde zwei Möglichkeiten: Entweder er macht, was er will oder das, was alle wollen. Im günstigsten Falle ist die Schnittmenge aus beidem so groß, dass er davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. David Bowie kann von sich, jetzt, da er gerade neunundsechzig Jahre alt geworden ist und ganze fünfundzwanzig Studioalben veröffenlicht hat, behaupten, dass ihm das Zeit seines Lebens bestens geglückt ist. (mehr …)

Platte der Woche #45: Lanterns on the Lake, Beings / Pias Coop/Bella Union (rough trade)

Mit einem spektralen, Klavier-getriebenen Opener starten Lanterns on the Lake in Ihr neues Album »Beings«. Das ganze Ambiente, vor allem im zweiten Stück »I’ll Stall Them« erinnert an die herausragenden Klanglandschaften Ihres Debütalbums. »Beings« ist eine Verschmelzung aus dem üppigen, verträumten Folk-Pop des Debüts und dem etwas härteren Sound mit seinen eindrucksvollen Gitarreneffekten und himmlischen Arrangements des Zweitlings. Die Besetzung wurde nochmals verändert, aber der Kern besteht weiterhin aus Sänger, Gitarrist und Pianist Hazel Wilde, Gitarrist und Produzent Paul Gregory und Schlagzeuger Oliver Ketteringham. Die etwas verschlankte Aufstellung sorgt auf gesamter Linie für einen geschärften Blick. (mehr …)

Kritik: Pelzig, Medium Cool World / Cargo Records (Cargo Records)

Wenn man mal das Spinnen anfängt, dann kommt man darauf, dass in Ingolstadt die Dinge anders laufen als im Rest der Republik und zwar mit einer sich stets wiederholenden Parallelität. Da hat es der Blechkarossenbauer mit den vier Ringen, mithin Hauptarbeitgeber in Stadt und Region, endlich in die Champions-League und nach Übersee geschafft und bekommt just in diesem, seinem besten Moment die Schludereien seines großen Bruders in der leidigen Abgasaffäre zu spüren. (mehr …)

Platte der Woche #42: Joanna Newsom, Divers / Drag City (rough trade) (#joannanewsom)

Im neuen Album »Divers« von Joanna Newsom bewegen wir uns auf einem wehmütigen Spaziergang, überqueren Felder mit farbenprächtigen Wildblumen, hören akustische Arrangements, Melodien von großer Spannweite und eine Stimme, die zweifelsohne nicht jeden Geschmack von der eigenen Schönheit überzeugen mag. Es braucht Reife, um die vielfältigen Schichten aus Klavier, Saiteninstrumente, Gitarre und Schlagzeug mit Ihrer einzigartigen Stimme zu verstehen und so zu einem Teil dieser traumhaft schönen Pop Symphonie zu werden. (mehr …)

Platte der Woche #40: #Deerhunter, Fading Frontier / 4ad/Beggars Group (Indigo)

Fifteen years I spent proving myself,” sagte kürzlich Bradford Cox und erklärte zugleich den simplen Grund des neuen Albums: “The only reason for me to make a record now is to make the record.” So entspannt die Herangehensweise, so wunderbar ausgeglichen ist auch die Balance auf »Fading Frontier«, Textur und Leichtigkeit sind offensichtlich, die Songs strahlen vor reiner Klarheit, egal ob der Groove in die Beine schießt, oder in genüsslicher Langsamkeit durch verschleierte Wälder schlendert. (mehr …)

Platte der Woche #40: #Protomartyr, The Agent Intellect (Hardly Art (Cargo Records)

Auf dem drittem Album in drei Jahren agiert das Quartett aus Detroit mit einem klaren Sinn für Dringlichkeit und Fokus. Protomartyr sind schwer zu fassen: gemütlich, ernüchternd, erschreckend, lustig, eingängig, belebend und letztlich menschlich. Im Universum von Protomartyr schwebt ebenso beständig die Gewalt. Emotionale Brutalität unter der bröckelnden Skyline von Detroit. »The Agent Intellect« bezieht die Energie aus der panischen Angst der Sterblichkeit. Casey verlor seinen Vater durch einen Herzinfakt, seine Mutter leidet an Alzheimer, eine Diagnose die während des Aufnahmeprozesses gestellt wurde. Wir erleben diese zerreißenden emotionalen Momente an vielen Stellen im Songwriting. “Lithe in thought and pumping blood…I’m never gonna lose it”, “He enters the temple/ It falls/ It always falls.(mehr …)

Platte der Woche #39: Girl Band, Holding Hands With Jamie / Rough Trade/Beggars Group (Indigo) (@girl_band)

Das Debüt dieser vier Herrschaften aus Dublin wird man nicht mehr so leicht vergessen. Zu gewaltig ist diese freie Form Ihrer individuellen Ansichten und dem antagonistischen Brutalismus, welches in einem abrasiven Durcheinander etwas ungemein anziehendes und aufregendes in sich verbergt. »Holding Hands With Jamie« ist dreist, stimmungsvoll, atemberaubend, aber auch verwirrend, konfrontativ und letztlich erschreckend. Viele Bands versuchen drastisch unterschiedliche Einflüsse zu vermischen, selten klang das Ergebnis am Ende so homogen und organisch wie in diesem Debüt. (mehr …)

Kritik: Ryan Adams, 1989 / Sony Music UK (@TheRyanAdams)

Von allen vorangegangenen Versuchen, komplette Alben anderer Künstler neu einzuspielen (und derer gab es nicht wenige, denkt man an Beck vs. Velvet Underground, die Dirty Projectors vs. Black Flag, Camper Van Beethoven vs. Fleetwood Mac und natürlich die irren Aufführungen der Flaming Lips), von allen Versuchen also ist der von Ryan Adams der vielleicht ungewöhnlichste. Zum einen hätte man Berührungspunkte zwischen dem oft genialen, aber zuweilen recht schwierigen Slacker und der Prinzessin Lillifee des Glamourpops nicht unbedingt vermutet, zum anderen ist der unbestrittene Erfolg von Taylor Swifts »1989« noch ein ganz frischer – das Risiko, sich daran die Hände zu verbrennen und sich lächerlich zu machen, war also kein geringes. Umso erstaunlicher das Ergebnis. Swifts überdrehten Hochglanzsound derart radikal auf den verschlurften Americana-/ Countrysound herunterzubrechen, meistenteils zu reduzieren, gelingt Adams nachgerade meisterhaft und dass dabei der sich schon länger abzeichnenden ‚Springsteenisierung‘ des Songwriters ein paar neue Takte hinzugefügt werden, ist keineswegs störend. (mehr …)

Platte der Woche #34: Destroyer, Poison Season / Dead Oceans (Cargo Records)

Selten gibt es Album, welches bei so vielen alltäglichen Situationen passend erscheint. »Poison Season« von Destroyer ist so eines. Daniel Bejar versteht es wie schon lange keiner mehr, eine lässige literarische Brillanz einfließen zu lassen, die schlicht beide Ohren vor Freude erröten lässt. Destroyer kann man während der Arbeit hören, auf Reisen, bei den Hausarbeiten oder in vollkommener Dunkelheit. Die Single »Time Square« ist mit seinen Zeilen, “The writing on the wall wasn’t writing at all, just forces of nature in love with a radio station” und eine herrliche Überleitung zum schleichenden »Archer on the Beach«, in dem, “The ash king’s made of ashes, the ice queen’s made of snow”. Es sind wunderschöne Minuten der perfekten Herrlichkeit aus böigen Saxophon-Einlagen und Klavier. (mehr …)

Platte der Woche #33: Radkey, Dark Black Makeup / Little Man Records (rough trade)

Für Radkey ist die Veröffentlichung Ihres Debüts das Resultat jahrelanger harter Tourneen, absolute Entschlossenheit sich als Songwriter zu verbessern und der unerschütterliche Glaube an die eigene Stärke. Radkey sind die drei Brüder Dee, 22 (Gesang, Gitarre), Isaiah, 20 (Bass, Gesang) und Solomon, 18 (Schlagzeug). Ja diese drei Herrschaften sind trotz Ihres jungen Alters schon verdammt selbstsicher. Es gibt auf dem Debüt keine Unordnung. »Dark Black Makeup« ist ein prahlerisches Gesamtkunstwerk aus Robustheit und Erhabenheit im Gewand des gemeinsten Punk-Rock. Das eröffnende Titelstück ist eine Kombination aus galoppierenden Powerchords und blutrünstigen Metaphoriken. Direkt im Anschluss folgt pumpende Konventionalität, bevor Schlagzeuger Solomon die Midtempo-Beats explodieren lässt. (mehr …)

Platte der Woche #27: Ezra Furman, Perpetual Motion People / Pias Coop/Bella Union (rough trade)

»Perpetual Motion People« ist für “people who feel they can never settle” und beginnt mit einem unwiderstehlichen Eröffnungsstück. Der 28 Jahre alte Ezra Furman aus Chicago hat auch sein neuen Songs mit viel shoop-shoops, harmonischen Saxophonen und händeklatschenden Rock and Roll bestreut. Optimistisch, fröhlich und doch mürrisch hüpfen die Songs durch zeitlose Einflüsse, Selbstironie und witzigen Humor. “I would never fully join this society; I would always be somehow outside of it…If nothing else, it’s an interesting way to live.” (mehr …)